DAS DIGITALE ERLEBNIS – SPORTARENEN DER ZUKUNFT

Die größte Konkurrenz für die Betreiber der neuen Superstadien sind nicht andere Klubs – sondern die 4K- (und bald 8K)-Fernseher, die weltweit in den Wohnzimmern der Fans stehen. Bilder beinahe wie echt – lohnt sich da ein Stadionbesuch überhaupt noch?

Er kann sich lohnen, glaubt Christopher Lee vom Architekturbüro Populous aus Kansas City, das das revolutionäre neue Stadion des Londoner Premier-League-Klubs Tottenham Hotspur entworfen hat. „Es wird das technisch fortschrittlichste Stadion der Welt sein“, verspricht Lee im Guardian, „denn es muss die Leute dazu bringen, vom Sofa aufzustehen und ihren 50-Zoll-Fernseher auszuschalten“.

Das Spektakel im teuersten Stadion Europas, dessen Baukosten auf eine Milliarde Pfund (1,14 Milliarden Euro) gestiegen sind, soll gewaltig werden. Tottenham kündigt nach der geplanten Eröffnung zum Jahreswechsel 2018 / 2019 die beeindruckendste Atmosphäre im europäischen Fußball an. Fans, die 19.000 Pfund (21.600 Euro) für zwei Saison-Dauerkarten im exklusiven „Tunnel Club“ bezahlen, können die Fußballer beobachten, wie sie sich in einem gläsernen Tunnel auf das Spiel vorbereiten. Laut Tottenham gibt es nur noch eine Möglichkeit, näher an die Superstars heranzukommen: „Die Fußballschuhe anziehen, und selbst mitspielen.“

Der Klang der größten Tribüne für 17.000 Fans – insgesamt passen 61.000 in das Stadion – wurde von Akustik-Experten geplant wie in einem Opernhaus. Sie sollen für eine Soundwand sorgen, die selbst die legendäre Tribüne „The Kop“ an der Anfield Road des FC Liverpool übertrifft. Fans der Spurs können während der Spiele auf einem „Sky Walk“ von oben aufs Feld schauen, oder nach den Partien die höchste Indoor-Kletterwand der Welt nutzen.

Der FC Bayern hat in der Allianz Arena vor einem Jahr die beiden größten Videowände Europas installieren lassen, mit jeweils 200 Quadratmetern Fläche. Doch mit den technischen Möglichkeiten in einem völlig neu erbauten Stadion kann diese Nachrüstung nicht mithalten. Im brandneuen und 1,6 Milliarden Dollar (1,37 Milliarden Euro) teuren Mercedes-Benz Stadium in Atlanta, in dem die Atlanta Falcons Football spielen und Atlanta United Fußball, ging vor einem Jahr die erste 360-Grad-Videowand der Welt in Betrieb, die sich um die komplette Spielfläche zieht. Auf dem sechsstöckigen und 335 Meter langen hochauflösenden Display lassen sich beispielsweise Wiederholungen von jedem der 74.000 Plätze perfekt sehen. Dazu kommt ein zweiter Videoring mit 3D-Technik. „Wir wollten ein Erlebnis schaffen, das es zu Hause nicht gibt“, erklärt Bill Johnson vom Architekturbüro HOK, „und ich glaube, das haben wir hinbekommen“.

Sein Firmenkollege John Rhodes ergänzt: „Früher ging es in Stadien um die schiere Größe. Heute will jeder die echte und die virtuelle Welt kombinieren, um die Fans näher an die Spieler heranzubringen.“ Die Pläne hierfür klingen derzeit noch nach Science-Fiction, sind aber schon in wenigen Jahren realistisch. Mikrofone unter dem Rasen sollen jedes Geräusch, jeden Schritt und jede Grätsche, vom Spielfeld auf die Headsets der Fans übertragen. Bei Toren vibrieren die Sitze. Federleichte VR-Brillen blenden Details zu jedem Spieler ein, bis hin zum aktuellen Puls und zur Laufgeschwindigkeit. Die Daten stammen von smarten Trikots, die die Sportler tragen, und vom vernetzten Ball, der übers Spielfeld rollt. Ebenfalls auf den Brillen zu sehen: Das Spiel aus jeder nur denkbaren Kameraperspektive. Jeff Marsilio, der Medienverantwortliche der Basketball-Liga NBA, kann sich sogar Effekte wie im Videospiel „NBA Jam“ vorstellen: „Wer die Spieler mit riesigen Comic-Köpfen sehen will, kann das tun. Mit dieser Technik geht alles.“

Drohnen sollen im Stadion von morgen ebenfalls eine wichtige Rolle spielen – und das Bier und die Bratwurst direkt zu den Plätzen der Fans fliegen, die ihre Bestellung per Smartphone aufgeben. Das Handy spielt ohnehin eine zentrale Rolle. Im Levi’s Stadium in Santa Clara/Kalifornien sind schon jetzt alle zehn Meter Ortungssensoren (Beacons) eingebaut, die den genauen Aufenthaltsort eines jeden Fans ermitteln. Sie weisen den exakten Weg zum Platz – und schlagen Alarm, wenn ein Zuschauer loslaufen muss, um nach einer Pause noch rechtzeitig seinen Sitz zu erreichen.

Im komplett vernetzten – und damit auch komplett überwachten und Hooligan-freien – Multimedia-Stadion der Zukunft muss gar nicht mehr „live“ Fußball gespielt werden. Holographische Animationen bringen die Spieler von jedem Platz der Welt täuschend echt an jeden anderen Ort. Dass 75.000 Fans in einem neuen Münchner Stadion zusammenkommen, um ein Spiel des FC Bayern in Peking zu sehen – in 20, 30 Jahren kann es so weit sein. Ob echte oder virtuelle Fußballer auf dem Rasen stehen, ist dann beinahe egal, meint Stadion-Architekt Christopher Lee von der Firma Populous: „Hauptsache ist doch, dass die Menschen für ein gemeinsames Erlebnis zusammenkommen.“ Im neuen Tottenham-Stadion sind zumindest schon mal die Voraussetzungen geschaffen, dass den Smartphones nicht der Strom ausgeht: Die Sitze sind beheizt und bieten USB-Anschlüsse.